Sorgenkinder
Abseits üblicher Bezeichnungen schlägt die Hamsterkiste für eine große Gruppe unserer Schulkinder den Begriff Sorgenkinder vor. Gemeint sind damit alle die, die am Ende der vierten Klasse nicht richtig lesen können, den Sinn des Gelesenen nicht verstehen, die wenig und ungern schreiben und auch in Mathematik über rudimentäre Kenntnisse nicht hinaus gelangen. Am Ende der Grundschulzeit trifft dies auf etwa jedes vierte Kind zu.
Die meistens von ihnen leiden unter den sozialen Umständen, unter denen sie und ihre Eltern leben. In vielen dieser Familien herrscht Armut. Die Erfahrungen, die andere Kinder auf Reisen nach Mallorca oder New York machen, bleiben ihnen verwehrt. Sie sind oft innerfamiliären Konflikten ausgesetzt. Auffälligkeiten und psychische Erkrankungen nehmen besonders bei diesen Kindern zu. Nur wenige sind stark genug, sich irgendwie selbst zu helfen und ihren eigenen Weg zu gehen. Das Weltbild der meisten wird durch die Umstände geprägt und nicht selten entsteht eine Sehnsucht nach einfachen Lösungen und autoritären Strukturen, die von rechten politischen Strömungen zwar gefördert, aber niemals in sinnvolle Veränderungen gelenkt werden.
Und diese Kinder leiden unter der Schule, die sie nicht erreicht, die ihnen früh bescheinigt, dass es zu einer gymnasialen Schullaufbahn leider nicht reicht. Damit sind Vorstellungen über erfolgreiche Berufswege und ein gutes Einkommen für diese Kinder schon im Alter von 10 Jahren ausgeträumt. Viele von ihnen hängen zwar viele Jahre in Schulen herum, aber sie schaffen keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss, der als Voraussetzung für eine ordentliche Berufsausbildung nötig wäre. Schule schädigt das Selbstwertgefühl dieser Kinder massiv.
Muss das so sein? Natürlich nicht. Aber wir haben uns daran gewöhnt. Die Befunde sind bekannt, es geschieht jedoch leider kaum etwas. Es werden allerlei Entschuldigungen angeführt. Eine besonders zynische Erklärung ist die der mangelnden Intelligenz. Die Interessen der sozial und wirtschaftlich starken Mittel- und Oberschichten dominieren unser Schulwesen nach wie vor. Bestrebungen, das mehrgliedrige Schulwesen aufzugeben, sind immer wieder gescheitert. Und die Hoffnung, durch die Veränderung äußerer Strukturen auch sozialen Wandel zu erreichen, war ohnehin immer naiv.
Wir müssen eine Pädagogik praktizieren, die tatsächlich kein Kind zurück lässt. Erst wenn alle Kinder am Ende der Klasse 4 gut lesen, schreiben und rechnen können, hat die Grundschule ihre Aufgabe erfüllt.Wir müssen lernen, dass kein Kind alles kann, aber auch kein Kind nichts. Kinder brauchen in der Familie und in der Schule die Sicherheit, dass sie gemocht werden. Wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, alles zu lernen, was für ein gutes Leben notwendig ist. Wir müssen sie so nehmen, wie sie sind und sie bestärken in dem, was sie gut können. Ganz wichtig: Wir müssen ihnen die Zeit geben, die sie benötigen, individuellen Lernfortschritt zu erzielen. Es geht in der Schule nicht nur um Lesen, Schreiben und Rechnen, es geht vor allem auch um die persönliche Entwicklung jedes einzelnen Kindes.
Wir müssen uns Sorgen um diese Kinder machen, aber vor allem: Wir müssen dafür sorgen, dass sie Schule als einen sinnvollen Ort erfahren, der vielleicht sogar Freude macht.
Die Hamsterkiste macht auf diesen Seiten einige Vorschläge, was sich verändern müsste und sie wird Materialien entwickeln, die vor allem auf die Interessen von unseren Sorgenkindern ausgerichtet sind. Dies wird nicht von heut auf morgen gehen. Aber schaut einfach selbst, denkt mit und denkt weiter.
